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Schon Kraeplin (1909) beschrieb die Assoziation
psychotischer Symptome bei Frauen mit der prä- bzw. perimenstruellen
Phase.
Häfner (1987, 1991) postulierte die sog.
"Östrogenhypothese der Schizophrenie", welche besagt,
dass Frauen durch das weibliche Sexualhormon in gewisser Weise vor
der Exazerbation psychotischer Symptome geschützt sind; Den
bei Frauen nach der Menopause auftretenden zweiten Peak der schizophrenen
Erkrankungen führte er auf die nachlassende protektive Wirkung
des Östrogens zurück.
Die Vermutung einer ätiologischen Rolle des
Östrogens bei Schizophrenie scheint insofern plausibel, als
auch im Tierexperiment nachgewiesen werden konnte, dass Östradiol
die Sensitivität von Dopaminrezeptoren im Gehirn modulieren
kann. Ebenso wurde herausgefunden, dass Östradiol die Dichte
an 5-HT2A Bindungsstellen im Kortex und Nucleus accumbens von weiblichen
Ratten zu erhöhen vermag und ebenso, dass es als striataler
D2 Rezeptorantagonist fungiert.
PET-Studien ergaben, dass Frauen generell niedrigere
D2-Rezeptor-Affinität aufweisen als Männer, wobei dieser
Unterschied v. a. im rechten Striatum signifikant ist. Dies lässt
auf eine erhöhte endogene striatale Dopaminkonzentration bei
Frauen schließen und könnte ein Hinweis für die
unterschiedliche Vulnerabilität von Frauen und Männern
bei Schizophrenie sein; die Variabilität der bei dieser Studie
untersuchten D2-Rezeptor-Bindungscharakteristika (striatale D2-Rezeptor-Dichte,
-Affinität- und Bindungspotenzial) war im allgemeinen bei prämenopausalen
Frauen höher als bei postmenopausalen.
Wenn auch noch weitere biochemische Untersuchungen
notwendig sind, um die komplexen Interaktionen zwischen Neuroloeptika,
Östradiol und dem Dopamin- und Serotonin-Neurotransmittersystemen
zu verstehen, weisen inzwischen viele epidemiologische und tierexperimentelle
Forschungsergebnisse darauf hin, dass Östrogen eine modulierende
Rolle als protektiver Faktor bei schizophrenen Erkrankungen zukommt.
Dass die Symptomatik schizophrener Frauen durch
den Zyklus moduliert wird, geht auch aus Studien hervor, bei denen
festgestellt wurde, dass die Mehrheit der stationären Aufnahmen
von schizophrenen Patientinnen in der späten Luteal- und in
der Menstruationsphase - also in Phasen eines niedrigen Östrogenspiegels
- erfolgt.
In einer klinischen Studie zu den Effekten von
Östrogen bei akut psychotischen prämenopausalen Frauen
erhielt eine Gruppe täglich 0,02mg Ethinylöstradiol zusätzlich
zur Standard- Neuroleptikatherapie, die andere Gruppe nur die Neuroleptikatherapie;
jene Patientinnen, die zusätzlich Östradiol erhielten,
zeigten eine wesentlich effektivere und schnellere Besserung ihrer
Symptomatik als jene, die nur Neuroleptika erhielten.
Auf der Basis der Hypothese, dass durch eine Supplementation
von Östrogenen eine Besserung der psychopathologischen Symptome
bei Schizophrenie erzielt werden kann, wurde auch bei postmenopausalen
Frauen eine entsprechende Studie durchgeführt: dabei wurde
festgestellt, dass bei jenen Patientinnen, die zusätzlich zur
Neuroleptikadosis eine Hormonersatztherapie erhielten, eine Besserung
der negativen Symptome eingetreten war.
Für die Praxis könnten diese Forschungsergebnisse
insofern von Relevanz sein, als man bei prämenopausalen Frauen
versuchen könnte, Östrogene in der Therapie und Rückfallprophylaxe
schizophrener Erkrankungen einzusetzen, indem die hormonelle Substitutionstherapie
eine zyklusadaptierte Behandlung zusätzlich zur Neuroleptikatherapie
darstellen könnte. Dies hätte den Vorteil, dass möglicherweise
perimenstruelle Exazerbationen teilweise vermieden werden könnten
und es würden auch geringere Neuroleptikanebenwirkungen daraus
resultieren, da sich deren Gesamtdosis verringern würde; Was
die Interaktion von Neuroleptika mit Kontrazeptiva betrifft - bestimmte
Neuroleptika führen durch hepatische Enzyminduktion zu vermindertem
Empfängnisschutz - könnte dieses Risiko durch eine kontinuierliche
Einnahme eines niedrigdosierten monophasischen Kombipräparates
ohne hormonfreies Intervall vermieden werden.
Auch wenn die erwähnten Möglichkeiten
der therapeutischen Anwendung von Östrogenen sich noch im Forschungsstatus
befinden, sollte die gonadale Achse in der Diagnostik, Therapie
und Rückfallprophylaxe schizophrener Erkrankungen zunehmend
stärkere Berücksichtigung finden (Riecher-Rössler,
2001, S.85).
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