Frauen und Schizophrenie
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Geschlechtsspezifische Aspekte der Schizophrenie
Geschlechtsbezogene Unterschiede bei schizophrenen Patienten
Östrogen - ein Schutzfaktor bei Frauen?
   
Geschlechtsspezifische Aspekte der Schizophrenie
Frauen und Männer weisen zwar ein gleiches Lebenszeitrisiko für Schizophrenie (1%) auf, jedoch erkranken Frauen durchschnittlich um 4-5 Jahre später als Männer und weisen - sofern es sich um prämenopausale Patientinnen handelt - einen tendenziell besseren Verlauf auf. Ein zweiter, kleinerer Erkrankungsgipfel bei Frauen wurde nach dem 40. Lebensjahr festgestellt - die sogenannte "Spätschizophrenie" ist hingegen durch eine primär schwerere Symptomatik gekennzeichnet. Zudem erkranken Frauen nach dem 40. Lebensjahr doppelt so häufig wie Männer.

Aus verschiedenen Studien geht hervor, dass Frauen bei Erkrankungsbeginn eine bessere soziale Integration aufweisen. Eine weitere Erklärung für den besseren Krankheitsverlauf liefert das weibliche Sexualhormon Östradiol, das eine gewisse protektive Wirkung bei prämenopausalen Frauen auszuüben scheint.

Im Zusammenhang mit Geschlechtsunterschieden in Erkrankungsbeginn und Verlauf der Schizophrenie wird zunehmend die Forderung nach einer geschlechtsspezifischen Anpassung der therapeutischen Interventionen bei an Schizophrenie Erkrankten mit der Konsequenz der Verbesserung von Therapie und Verlauf gestellt.

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Geschlechtsbezogene Unterschiede bei schizophrenen Patienten

Soziale Integration
Frauen sind prämorbid und auch bei Krankheitsbeginn sozial besser angepasst:
Sie weisen mehr soziale Bindungen auf und befinden sich bei Krankheitsausbruch meistens in eine Beziehung. Es konnten zwar keine Hinweise dafür gefunden werden, dass eine Partnerschaft die Manifestation der Erkrankung hinauszögern könnte, jedoch dürfte die Tatsache, dass bei Männern die Krankheit früher ausbricht dazu beitragen, dass es für sie schwieriger ist, überhaupt noch eine Beziehung einzugehen.

Das spätere Erkrankungsalter bei Frauen hat auch entsprechenden Einfluss auf ihr soziales Rollenverhalten:
einerseits sind Frauen zu Beginn der Erkrankung besser in ihren sozialen Rollen integriert - sie sehen sich vorwiegend als Partnerin und/oder Mutter, während sich Männer teilweise noch gar nicht in diesen Bereichen etabliert haben. Für die Therapie bedeutet das, dass es bei Frauen vielmehr um den Wiedergewinn bzw. Erhalt bestimmter Rollen geht, bei Männern hingegen um deren Neuaufbau.

Allerdings muss erwähnt werden, dass Kinder für eine schizophrene Patientin auch starke Stressoren darstellen können. Dabei geht es nicht nur um die Betreuung der Kinder, die Patientinnen entwickeln auch Angst, dass ihnen das Erziehungsrecht für die Kinder entzogen werden könnte.

Krankheitsverlauf
Schizophrene Frauen haben einen günstigeren klinischen Krankheitsverlauf als schizophrene Männer:
Zum Teil konnte gezeigt werden, dass Frauen kürzer und seltener hospitalisiert werden, hingegen im allgemeinen häufiger ambulante Hilfe in Anspruch nehmen; dabei gibt es Hinweise, dass Frauen eine "andere" Behandlung erhalten als Männer: Während Frauen eher Psychotherapie in Anspruch nehmen, werden Männern eher rehabilitative Maßnahmen empfohlen. Ebenso reagieren Frauen besser auf soziotherapeutische und familientherapeutische Interventionen. Es wurde auch festgestellt, dass Frauen besser auf die antipsychotische Therapie ansprechen und eine geringere Neuroleptikadosis benötigen.
Insgesamt weisen schizophrene Frauen eine bessere Compliance auf, was in Zusammenhang mit dem günstigeren Krankheitsverlauf gebracht werden könnte.

Krankheitssymptome
Schizophrene Frauen haben ein anderes Krankheitsverhalten und andere Symptome als schizophrene Männer:
In einer Studie wurde festgestellt, dass schizophrene Frauen generell eine stärker ausgeprägte Positivsymptomatik (z.B. Halluzinationen, Wahnideen, formale Denkstörungen) aufweisen und das Alter des Krankheitsbeginns umgekehrt proportional mit der Stärke von negativen Symptomen (z.B. Affektverflachung, emotionale Isolation, stereotypes Denken) korreliert. Bei schizophrenen Männern konnte dieser Nachweis nicht erbracht werden.

Pathogenetische Faktoren
Frauen und Männer neigen zu verschiedenen pathogenetischen Faktoren der Erkrankung:
Frauen haben häufiger eine positive Familienanamnese, seltener Geburtskomplikationen und seltener neurologische Defizite.

Komorbidität
Die Komorbidität bei schizophrenen Männern ist wesentlich höher als jene von schizophrenen Frauen - Männer weisen u.a. einen höheren Alkohol- und Drogenmissbrauch auf.

Mortalität
Auch das Mortalitätsrisiko schizophrener Männer ist deutlich höher als jenes schizophrener Frauen - die standardisierte Mortalitätsrate bei schizophrenen Männern im Vergleich zu altersparallelisierten Männern der Allgemeinbevölkerung ist um das 4,7fache, bei schizophrenen Frauen nur auf das 2,3fache erhöht.

Bei Betrachtung der erwähnten Geschlechtsunterschiede ist die Forderung nach einer geschlechtsspezifischen Anpassung der therapeutische Interventionen naheliegend. Außerdem sollte eine Intensivierung der Therapie bei Schizophrenie schon im Vorfeld der Ersthospitalisierung einsetzen. Die nötigen Behandlungseinrichtungen müssen teilweise erst errichtet werden; Sowohl praktische Ärzte als auch Psychiater sollten ihre schizophrenen Patienten über die Möglichkeit von Serviceeinrichtungen, finanzieller Unterstützung, Familientherapie etc. aufklären (Röder-Wanner, Priebe, 1998, S.256).

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Östrogen- ein Schutzfaktor bei Frauen?

Schon Kraeplin (1909) beschrieb die Assoziation psychotischer Symptome bei Frauen mit der prä- bzw. perimenstruellen Phase.

Häfner (1987, 1991) postulierte die sog. "Östrogenhypothese der Schizophrenie", welche besagt, dass Frauen durch das weibliche Sexualhormon in gewisser Weise vor der Exazerbation psychotischer Symptome geschützt sind; Den bei Frauen nach der Menopause auftretenden zweiten Peak der schizophrenen Erkrankungen führte er auf die nachlassende protektive Wirkung des Östrogens zurück.

Die Vermutung einer ätiologischen Rolle des Östrogens bei Schizophrenie scheint insofern plausibel, als auch im Tierexperiment nachgewiesen werden konnte, dass Östradiol die Sensitivität von Dopaminrezeptoren im Gehirn modulieren kann. Ebenso wurde herausgefunden, dass Östradiol die Dichte an 5-HT2A Bindungsstellen im Kortex und Nucleus accumbens von weiblichen Ratten zu erhöhen vermag und ebenso, dass es als striataler D2 Rezeptorantagonist fungiert.

PET-Studien ergaben, dass Frauen generell niedrigere D2-Rezeptor-Affinität aufweisen als Männer, wobei dieser Unterschied v. a. im rechten Striatum signifikant ist. Dies lässt auf eine erhöhte endogene striatale Dopaminkonzentration bei Frauen schließen und könnte ein Hinweis für die unterschiedliche Vulnerabilität von Frauen und Männern bei Schizophrenie sein; die Variabilität der bei dieser Studie untersuchten D2-Rezeptor-Bindungscharakteristika (striatale D2-Rezeptor-Dichte, -Affinität- und Bindungspotenzial) war im allgemeinen bei prämenopausalen Frauen höher als bei postmenopausalen.

Wenn auch noch weitere biochemische Untersuchungen notwendig sind, um die komplexen Interaktionen zwischen Neuroloeptika, Östradiol und dem Dopamin- und Serotonin-Neurotransmittersystemen zu verstehen, weisen inzwischen viele epidemiologische und tierexperimentelle Forschungsergebnisse darauf hin, dass Östrogen eine modulierende Rolle als protektiver Faktor bei schizophrenen Erkrankungen zukommt.

Dass die Symptomatik schizophrener Frauen durch den Zyklus moduliert wird, geht auch aus Studien hervor, bei denen festgestellt wurde, dass die Mehrheit der stationären Aufnahmen von schizophrenen Patientinnen in der späten Luteal- und in der Menstruationsphase - also in Phasen eines niedrigen Östrogenspiegels - erfolgt.

In einer klinischen Studie zu den Effekten von Östrogen bei akut psychotischen prämenopausalen Frauen erhielt eine Gruppe täglich 0,02mg Ethinylöstradiol zusätzlich zur Standard- Neuroleptikatherapie, die andere Gruppe nur die Neuroleptikatherapie; jene Patientinnen, die zusätzlich Östradiol erhielten, zeigten eine wesentlich effektivere und schnellere Besserung ihrer Symptomatik als jene, die nur Neuroleptika erhielten.

Auf der Basis der Hypothese, dass durch eine Supplementation von Östrogenen eine Besserung der psychopathologischen Symptome bei Schizophrenie erzielt werden kann, wurde auch bei postmenopausalen Frauen eine entsprechende Studie durchgeführt: dabei wurde festgestellt, dass bei jenen Patientinnen, die zusätzlich zur Neuroleptikadosis eine Hormonersatztherapie erhielten, eine Besserung der negativen Symptome eingetreten war.

Für die Praxis könnten diese Forschungsergebnisse insofern von Relevanz sein, als man bei prämenopausalen Frauen versuchen könnte, Östrogene in der Therapie und Rückfallprophylaxe schizophrener Erkrankungen einzusetzen, indem die hormonelle Substitutionstherapie eine zyklusadaptierte Behandlung zusätzlich zur Neuroleptikatherapie darstellen könnte. Dies hätte den Vorteil, dass möglicherweise perimenstruelle Exazerbationen teilweise vermieden werden könnten und es würden auch geringere Neuroleptikanebenwirkungen daraus resultieren, da sich deren Gesamtdosis verringern würde; Was die Interaktion von Neuroleptika mit Kontrazeptiva betrifft - bestimmte Neuroleptika führen durch hepatische Enzyminduktion zu vermindertem Empfängnisschutz - könnte dieses Risiko durch eine kontinuierliche Einnahme eines niedrigdosierten monophasischen Kombipräparates ohne hormonfreies Intervall vermieden werden.

Auch wenn die erwähnten Möglichkeiten der therapeutischen Anwendung von Östrogenen sich noch im Forschungsstatus befinden, sollte die gonadale Achse in der Diagnostik, Therapie und Rückfallprophylaxe schizophrener Erkrankungen zunehmend stärkere Berücksichtigung finden (Riecher-Rössler, 2001, S.85).

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