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Die ersten Worte eines Kindes werden meist von
den Eltern mit großer Freude erwartet. Die Entwicklung der
Sprache stellt eine der wichtigsten Hauptaufgaben in der Kindheit
dar, sie ist durch ihre Komplexität sehr störbar. 6-8%
aller Vorschulkinder bieten nach einer eher konservativen Schätzung
das Bild einer Sprachentwicklungsstörung (Tomblin et al., 1997)
und weisen Schwächen in expressiven und/oder rezeptiven Sprachverarbeitungsfähigkeiten
auf. Bei expressiven Sprachentwicklungsstörungen kann u.a.
der aktive Wortschatz bzw. können grammatische Fähigkeiten
der Satzbildung und/oder der Singular/Pluralbildung eingeschränkt
sein, bei der rezeptiven Sprachentwicklungsstörung stehen u.a.
Beeinträchtigungen im einfachen und komplexen Sprachverständnis
im Vordergrund.
Die Sprachentwicklung als eine der komplexesten
zentralen Leistungen steht in enger Wechselwirkung mit anderen Funktionsbereichen.
Beeinträchtigungen in anderen Entwicklungsbereichen wie etwa
der Entwicklung des Gedächtnisses, grob- und feinmotorischer
Fähigkeiten, der verbalen und nonverbalen Intelligenz, aber
auch Verhaltensauffälligkeiten können in Verbindung mit
einer Sprachentwicklungsstörung auftreten (Grimm, 1999). In
einer Studie konnten bei 94 Kindern mit expressiver bzw. rezeptiver
Sprachentwicklungsstörung (DSM-IV) im Vergleich zu sprachlich
unauffälligen Kindern signifikant häufiger Verhaltsauffälligkeiten
im Sinne von sozialem Rückzug (t=-7.6; df= 93; p<=0.0001),
körperlichen Beschwerden (t=-5.8; df= 93; p<=0.0001), ängstlich/depressiven
Verhaltensweisen (t=-6.1; df= 93; p<=0.0001), sozialen Problemen
(t=-8.7; df= 93; p<=0.0001), schizoid/zwanghaftem Verhalten (t=-2.1;
df= 93; p<=0.0001), von Aufmerksamkeitsproblemen (t=-9.9; df=
93; p<=0.0001), dissozialen (t=-6.1; df= 93; p<=0.0001), und
aggressiven Verhaltensweisen (t=-9.5; df=92; p<=0.0001) beobachtet
werden (Willinger et al., 2003).
Sprachentwicklungsstörungen können sich
allerdings auch sehr belastend auf das Familiensystem, insbesondere
auf das Stresserleben der Kindesmütter, auswirken. Bei 63 Müttern
von sprachentwicklungsgestörten Kindern zeigten sich im Vergleich
zu 63 Müttern von Kindern mit unauffälliger Sprachentwicklung
signifikante Unterschiede im Erleben von Stress durch die Eigenschaften
des Kindes (F=31.223; p<=0.0001) und durch die mütterlichen
Eigenschaften selbst (F=41.336; p<=0.0001) (Schaunig et al.,
2002).
Da jedoch Verhaltensauffälligkeiten das Ausmaß
an Erleben von Stress im Rahmen der Erziehungsarbeit steigern können,
wurde in einer weiteren Studie das Stresserleben der Mütter
von sprachentwicklungsgestörten Kindern mit jenem der Mütter
von Kindern mit unauffälliger Sprachentwicklung in den Bereichen
"Mütterliche Kompetenz", "Mütterliche Isolation",
"Mütterliche Gesundheit", "Mütterliche
Depression" sowie "Unterstützung durch den Partner"
nach Eliminierung der Einflüsse durch mögliche Verhaltensauffälligkeiten
und durch das Alter und Geschlecht des Kindes untersucht.
126 Mütter, davon 63 Mütter von sprachentwicklungsgestörten
Kindern und 63 Mütter von Kindern mit normaler Sprachentwicklung
wurden an der Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und
Ohrenkrankheiten Wien und in diversen Kindergärten Wiens rekrutiert.
Das Alter der Kinder lag zwischen 3;0 und 6;5 Jahren (Durchschnittsalter
4;7 Jahre), 46 Kinder waren Buben (73%) und 17 Mädchen (27%).
30 Kinder der klinischen Stichprobe erhielten die Diagnose "expressive
Sprachstörung" und 33 Kinder die Diagnose "rezeptive
Sprachstörung" nach ICD-10 (24). 47% dieser Kinder waren
Erstgeborene oder Einzelkinder, 38 % Zweitgeborene, 9% Dritt- und
6% Viertgeborene. Die Kinder der Kontrollgruppe wurden nach Alter
und Geschlecht parallelisiert und hatten eine unauffällige
Sprachentwicklung. 54% dieser Kinder waren Erstgeborene oder Einzelkinder,
16% Zweit- und 30% Viertgeborene.
Die Ergebnisse zeigen erwartungsgemäß,
dass jene Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen signifikant
häufiger internalisierendes Verhalten im Sinne von sozialem
Rückzug, körperlichen Beschwerden und ängstlich/depressiven
Verhaltensweisen (t=5.527; df= 63; p<=0.0001), aber auch signifikant
häufiger externalisierendes Verhalten im Sinne von dissozialen
und aggressiven Verhaltensweisen (t=5.959; df=63; p<=0.0001)
aufweisen. Nach Berücksichtigung der Verhaltensauffälligkeiten
ergeben sich allerdings immer noch signifikante Unterschiede zwischen
den Müttern von Kindern mit expressiver Sprachentwicklungsstörung,
mit rezeptiver Sprachentwicklungsstörung und von Kindern mit
unauffälliger Sprachentwicklung in den Bereichen "Kompetenz"
,(F=27.258; p<=0.001), "Isolation" (F=6.368; ;p=0.002),
"Depression" (F=22.099; P<=0.0001), "Unterstützung
druch den Partner" (F=9.463; p<=0.0001), "Gesundheit"
(F=18.021; p<=0.0001).
Mütter von sprachentwicklungsgestörten
Kindern fühlen sich signifikant weniger kompetent in ihrer
Mütterrolle als Mütter von sprachentwicklungsunauffälligen
Kindern, Aussagen wie etwa "Ein Elternteil zu sein, ist härter
als ich gedacht habe", ""Ich kann Entscheidungen
nicht ohne Hilfe treffen", "Ich habe keine Freude daran,
ein Elternteil zu sein" (Abidin, 1995) werden häufiger
bejaht. Weiters fühlen sie sich signifikant häufiger sozial
isoliert (z.B. "Ich fühle mich alleine und ohne Freunde",
"Wenn ein Problem, das die Sorge um mein Kind anbelangt, auftritt,
habe ich niemanden, mit denen ich reden kann um Hilfe oder Rat zu
bekommen" "Ich habe oft das Gefühl, dass andere Leute
meines Alters meine Gesellschaft nicht besonders mögen")
(Abidin, 1995). Körperliche und psychische Gesundheit werden
signifikant häufiger als verringert eingeschätzt, Aussagen
wie etwa "Seit ich mein Kind habe, war ich viel krank",
"Während der letzten sechs Monate war ich öfter krank
als gewöhnlich oder hatte mehr Schmerzen und Leiden als ich
normalerweise habe", "Körperlich fühle ich mich
die meiste Zeit schlecht" bzw. "Wenn ich an die Art Elternteil,
der ich bin, denke, fühle ich mich oft schuldig oder schlecht",
"Für die Gefühle, die ich meinem Kind entgegen bringe,
fühle ich mich oft schuldig", "Als ich das Krankenhaus
mit meinem Baby verließ, fühle ich mich trauriger und
deprimierter als ich erwartet habe" (Abidin, 1995) werden häufiger
bejaht. Die "Unterstützung durch den Partner" in
der Versorgung und Erziehung des Kindes wird von den Müttern
von Kindern mit Sprachentwicklungsstörung signifikant geringer
angegeben als von den Müttern von Kindern mit unauffälliger
Sprachentwicklung (z.B. "Ein Kind zu haben, hat in der Beziehung
zu meinem Ehepartner (oder Freund/Freundin) mehr Probleme geschaffen,
als ich erwartet habe.", "Seit wir ein Kind haben, machen
mein Ehepartner (oder Freund(Freundin) und ich nicht so viele Dinge
gemeinsam"., "Ein Kind zu haben, scheint die Anzahl an
Problemen, die wir mit Schwiegereltern und Verwandten haben, vergrößert
zu haben") (Abidin, 1995).
Das Fehlen von Akzeptanz, stetige Kritik und geringe
Unterstützung durch den Partner verbunden mit geringen Kompetenzgefühlen,
soziale Isolierung von Freunden, und Verwandten bzw. anderen Personen
oder Gruppen, die emotionale Unterstützung geben könnten,
Verringerung der körperlichen und psychischen Gesundheit stellen
ernstzunehmende Stressvariablen für die Mütter sprachentwicklungsgestörter
Kinder mit negativen Auswirkungen auf die weitere Entwicklung der
Kinder dar.
Interventionen wie etwa dem Nachgehen der klinischen
Bedeutsamkeit einer Depression, aber auch der Verringerung der körperlichen
Gesundheit, Selbstbehauptungstraining für Mütter, Stärkung
des mütterlichen Selbstwerts, Aufbauen von Sozialkontakten,
Elternausbildungsseminare, Elternrunden bzw. Elterngruppen, Eheberatung
bis hin zu psychotherapeutischen Maßnahmen im Sinne von Psychotherapie
für die Mütter, Paar- oder Familientherapie sollten in
solchen Fällen überlegt werden.
Literatur:
Abidin RF. (1995). Parenting Stress Index. Third
Edition Psychological Assessment Resources, Inc, Odessa.
Grimm H. (1999). Störungen der Sprachentwicklung.
Göttingen: Hogrefe.
Schaunig I, Willinger U, Diendorfer-Radner G,
Hager V, Jörgl G, Sirsch U, Sams J. (2002). Stresserleben von
Müttern sprachentwicklungsgestörter Kinder. Klinische
Pädiatrie (eingereicht).
Tomblin JB, Records NL, Buckwalter P, Zhang X,
Smith E, O'Brien M. (1997). Prevalence of specific language impairment
in kindergarten children. Journal of Speech, Language, and Hearing
Research 40:1245-1260.
Willinger U, Brunner E, Diendorfer-Radner G, Sams
J, Sirsch U, Eisenwort B. (2003). Child behavior in children with
language development disorders. Canadian Journal of Psychiatry (accepted).
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