Stress
  Das Projekt - Themenübersicht - Frauengesundheit - Stress
 
Teufelskreislauf kindliche Sprachentwicklungsstörung und mütterliche Stressbelastung

Univ.Prof. Mag. Dr. Willinger Ulrike Klinische Psychologin, Gesundheitspsychologin, Psychotherapeutin; Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten, Wien.

 

Die ersten Worte eines Kindes werden meist von den Eltern mit großer Freude erwartet. Die Entwicklung der Sprache stellt eine der wichtigsten Hauptaufgaben in der Kindheit dar, sie ist durch ihre Komplexität sehr störbar. 6-8% aller Vorschulkinder bieten nach einer eher konservativen Schätzung das Bild einer Sprachentwicklungsstörung (Tomblin et al., 1997) und weisen Schwächen in expressiven und/oder rezeptiven Sprachverarbeitungsfähigkeiten auf. Bei expressiven Sprachentwicklungsstörungen kann u.a. der aktive Wortschatz bzw. können grammatische Fähigkeiten der Satzbildung und/oder der Singular/Pluralbildung eingeschränkt sein, bei der rezeptiven Sprachentwicklungsstörung stehen u.a. Beeinträchtigungen im einfachen und komplexen Sprachverständnis im Vordergrund.

Die Sprachentwicklung als eine der komplexesten zentralen Leistungen steht in enger Wechselwirkung mit anderen Funktionsbereichen. Beeinträchtigungen in anderen Entwicklungsbereichen wie etwa der Entwicklung des Gedächtnisses, grob- und feinmotorischer Fähigkeiten, der verbalen und nonverbalen Intelligenz, aber auch Verhaltensauffälligkeiten können in Verbindung mit einer Sprachentwicklungsstörung auftreten (Grimm, 1999). In einer Studie konnten bei 94 Kindern mit expressiver bzw. rezeptiver Sprachentwicklungsstörung (DSM-IV) im Vergleich zu sprachlich unauffälligen Kindern signifikant häufiger Verhaltsauffälligkeiten im Sinne von sozialem Rückzug (t=-7.6; df= 93; p<=0.0001), körperlichen Beschwerden (t=-5.8; df= 93; p<=0.0001), ängstlich/depressiven Verhaltensweisen (t=-6.1; df= 93; p<=0.0001), sozialen Problemen (t=-8.7; df= 93; p<=0.0001), schizoid/zwanghaftem Verhalten (t=-2.1; df= 93; p<=0.0001), von Aufmerksamkeitsproblemen (t=-9.9; df= 93; p<=0.0001), dissozialen (t=-6.1; df= 93; p<=0.0001), und aggressiven Verhaltensweisen (t=-9.5; df=92; p<=0.0001) beobachtet werden (Willinger et al., 2003).

Sprachentwicklungsstörungen können sich allerdings auch sehr belastend auf das Familiensystem, insbesondere auf das Stresserleben der Kindesmütter, auswirken. Bei 63 Müttern von sprachentwicklungsgestörten Kindern zeigten sich im Vergleich zu 63 Müttern von Kindern mit unauffälliger Sprachentwicklung signifikante Unterschiede im Erleben von Stress durch die Eigenschaften des Kindes (F=31.223; p<=0.0001) und durch die mütterlichen Eigenschaften selbst (F=41.336; p<=0.0001) (Schaunig et al., 2002).

Da jedoch Verhaltensauffälligkeiten das Ausmaß an Erleben von Stress im Rahmen der Erziehungsarbeit steigern können, wurde in einer weiteren Studie das Stresserleben der Mütter von sprachentwicklungsgestörten Kindern mit jenem der Mütter von Kindern mit unauffälliger Sprachentwicklung in den Bereichen "Mütterliche Kompetenz", "Mütterliche Isolation", "Mütterliche Gesundheit", "Mütterliche Depression" sowie "Unterstützung durch den Partner" nach Eliminierung der Einflüsse durch mögliche Verhaltensauffälligkeiten und durch das Alter und Geschlecht des Kindes untersucht.

126 Mütter, davon 63 Mütter von sprachentwicklungsgestörten Kindern und 63 Mütter von Kindern mit normaler Sprachentwicklung wurden an der Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten Wien und in diversen Kindergärten Wiens rekrutiert. Das Alter der Kinder lag zwischen 3;0 und 6;5 Jahren (Durchschnittsalter 4;7 Jahre), 46 Kinder waren Buben (73%) und 17 Mädchen (27%). 30 Kinder der klinischen Stichprobe erhielten die Diagnose "expressive Sprachstörung" und 33 Kinder die Diagnose "rezeptive Sprachstörung" nach ICD-10 (24). 47% dieser Kinder waren Erstgeborene oder Einzelkinder, 38 % Zweitgeborene, 9% Dritt- und 6% Viertgeborene. Die Kinder der Kontrollgruppe wurden nach Alter und Geschlecht parallelisiert und hatten eine unauffällige Sprachentwicklung. 54% dieser Kinder waren Erstgeborene oder Einzelkinder, 16% Zweit- und 30% Viertgeborene.

Die Ergebnisse zeigen erwartungsgemäß, dass jene Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen signifikant häufiger internalisierendes Verhalten im Sinne von sozialem Rückzug, körperlichen Beschwerden und ängstlich/depressiven Verhaltensweisen (t=5.527; df= 63; p<=0.0001), aber auch signifikant häufiger externalisierendes Verhalten im Sinne von dissozialen und aggressiven Verhaltensweisen (t=5.959; df=63; p<=0.0001) aufweisen. Nach Berücksichtigung der Verhaltensauffälligkeiten ergeben sich allerdings immer noch signifikante Unterschiede zwischen den Müttern von Kindern mit expressiver Sprachentwicklungsstörung, mit rezeptiver Sprachentwicklungsstörung und von Kindern mit unauffälliger Sprachentwicklung in den Bereichen "Kompetenz" ,(F=27.258; p<=0.001), "Isolation" (F=6.368; ;p=0.002), "Depression" (F=22.099; P<=0.0001), "Unterstützung druch den Partner" (F=9.463; p<=0.0001), "Gesundheit" (F=18.021; p<=0.0001).

Mütter von sprachentwicklungsgestörten Kindern fühlen sich signifikant weniger kompetent in ihrer Mütterrolle als Mütter von sprachentwicklungsunauffälligen Kindern, Aussagen wie etwa "Ein Elternteil zu sein, ist härter als ich gedacht habe", ""Ich kann Entscheidungen nicht ohne Hilfe treffen", "Ich habe keine Freude daran, ein Elternteil zu sein" (Abidin, 1995) werden häufiger bejaht. Weiters fühlen sie sich signifikant häufiger sozial isoliert (z.B. "Ich fühle mich alleine und ohne Freunde", "Wenn ein Problem, das die Sorge um mein Kind anbelangt, auftritt, habe ich niemanden, mit denen ich reden kann um Hilfe oder Rat zu bekommen" "Ich habe oft das Gefühl, dass andere Leute meines Alters meine Gesellschaft nicht besonders mögen") (Abidin, 1995). Körperliche und psychische Gesundheit werden signifikant häufiger als verringert eingeschätzt, Aussagen wie etwa "Seit ich mein Kind habe, war ich viel krank", "Während der letzten sechs Monate war ich öfter krank als gewöhnlich oder hatte mehr Schmerzen und Leiden als ich normalerweise habe", "Körperlich fühle ich mich die meiste Zeit schlecht" bzw. "Wenn ich an die Art Elternteil, der ich bin, denke, fühle ich mich oft schuldig oder schlecht", "Für die Gefühle, die ich meinem Kind entgegen bringe, fühle ich mich oft schuldig", "Als ich das Krankenhaus mit meinem Baby verließ, fühle ich mich trauriger und deprimierter als ich erwartet habe" (Abidin, 1995) werden häufiger bejaht. Die "Unterstützung durch den Partner" in der Versorgung und Erziehung des Kindes wird von den Müttern von Kindern mit Sprachentwicklungsstörung signifikant geringer angegeben als von den Müttern von Kindern mit unauffälliger Sprachentwicklung (z.B. "Ein Kind zu haben, hat in der Beziehung zu meinem Ehepartner (oder Freund/Freundin) mehr Probleme geschaffen, als ich erwartet habe.", "Seit wir ein Kind haben, machen mein Ehepartner (oder Freund(Freundin) und ich nicht so viele Dinge gemeinsam"., "Ein Kind zu haben, scheint die Anzahl an Problemen, die wir mit Schwiegereltern und Verwandten haben, vergrößert zu haben") (Abidin, 1995).

Das Fehlen von Akzeptanz, stetige Kritik und geringe Unterstützung durch den Partner verbunden mit geringen Kompetenzgefühlen, soziale Isolierung von Freunden, und Verwandten bzw. anderen Personen oder Gruppen, die emotionale Unterstützung geben könnten, Verringerung der körperlichen und psychischen Gesundheit stellen ernstzunehmende Stressvariablen für die Mütter sprachentwicklungsgestörter Kinder mit negativen Auswirkungen auf die weitere Entwicklung der Kinder dar.

Interventionen wie etwa dem Nachgehen der klinischen Bedeutsamkeit einer Depression, aber auch der Verringerung der körperlichen Gesundheit, Selbstbehauptungstraining für Mütter, Stärkung des mütterlichen Selbstwerts, Aufbauen von Sozialkontakten, Elternausbildungsseminare, Elternrunden bzw. Elterngruppen, Eheberatung bis hin zu psychotherapeutischen Maßnahmen im Sinne von Psychotherapie für die Mütter, Paar- oder Familientherapie sollten in solchen Fällen überlegt werden.

Literatur:

Abidin RF. (1995). Parenting Stress Index. Third Edition Psychological Assessment Resources, Inc, Odessa.

Grimm H. (1999). Störungen der Sprachentwicklung. Göttingen: Hogrefe.

Schaunig I, Willinger U, Diendorfer-Radner G, Hager V, Jörgl G, Sirsch U, Sams J. (2002). Stresserleben von Müttern sprachentwicklungsgestörter Kinder. Klinische Pädiatrie (eingereicht).

Tomblin JB, Records NL, Buckwalter P, Zhang X, Smith E, O'Brien M. (1997). Prevalence of specific language impairment in kindergarten children. Journal of Speech, Language, and Hearing Research 40:1245-1260.

Willinger U, Brunner E, Diendorfer-Radner G, Sams J, Sirsch U, Eisenwort B. (2003). Child behavior in children with language development disorders. Canadian Journal of Psychiatry (accepted).

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