Frauen und Substanzmissbrauch
  Das Projekt - Themenübersicht - Frauengesundheit - Substanzmissbrauch
 

Univ. Prof. Dr. Gabriele Fischer
Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie
Univ.Klinik für Psychiatrie, Drogenambulanz


Gebrochen, geschlagen, geknechtet, verängstigt und verwirrt, gebeutelt von gesellschaftlichen Vorurteilen und Stereotypien sind die Frauen, die schließlich in eine Suchtberatungsstelle kommen.

Sucht ist ein Thema von hoher Aktualität. Die stoffgebundenen Süchte, von denen in diesem Artikel die Rede ist, machen vielen Frauen zu schaffen, und das nicht nur dann, wenn sie selbst damit zu tun haben, sondern auch dann, wenn sie mit anderen zusammenleben, die süchtig sind. Die gängigen Erklärungskonzepte von Sucht und Abhängigkeit gehen von geschlechtsneutralen Modellen aus. Das gilt für psychoanalytische ebenso wie für lernpsychologische, soziologische oder für multifakterielle Ansätze. Unterstellt wird allemal, daß der Entwicklungsprozeß für Männer und Frauen idealtypisch betrachtet gleich abläuft, daß das Geschlecht also unerheblich ist, wenn es um die Beschreibung und Diagnostik der Sucht geht. Eine genauere Betrachtung der Einstiegs-und Konsummuster, der Entwicklung von Sucht und Abhängigkeit sowie ihrer Manifestation und der Begleiterkrankung zeigt sehr schnell, daß es ganz erhebliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt. Beschränkt man sich auf die Abhängigkeit von Alkohol und illegalen Drogen, dann belegen die Ergebnisse von Umfragen ebenso wie von Beobachtungsstudien, daß Mädchen und Frauen häufig von Jungen und Männern zum Konsum der Stoffe angeregt werden. Nach der ersten Einübungsphase entwickeln Frauen ihre typischen Konsummuster; bei denjenigen von ihnen, die sich auf exzessiven Konsum psychotroper Substanzen einlassen, dominieren polytoxikomane Muster (mehrere Substanzen) mit episodischen Verläufen. Diese sind begleitet von affektiven und neurotischen Störungen (insbesondere Depressionen und Ängste) sowie von Verhaltensauffälligkeiten wie Essstörungen, die sich gegenseitig verstärken, je länger die ekzessive Konsumphase andauert.

Dazu kommen unterschiedliche Reaktionen der Umwelt auf den Alkoholkonsum und Drogenkonsum von Männern und Frauen. Beispielsweise gilt Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit und insbesondere Alkoholabusus auch als Symbol individueller wie gesellschaftlicher Macht. Die symbolische Vorführung der Macht ist in unserer Gesellschaft noch immer den Männern vorbehalten. Frauen, die sich herausnehmen, in ähnlicher Weise in der Öffentlichkeit zu trinken und sich zu betrinken wie Männer, rebellieren gegen die gesellschaftlichen Erwartungen: sie müssen mit Zurechtweisung und Abwertung rechnen.

Studien über die Einschätzung von Alkoholikerinnen bestätigen, daß die Urteile systematisch mit dem Geschlecht variiern. Was man den Männern noch halbwegs nachsieht, reicht bei den Frauen zur moralischen Verurteilung aus. Mit Zuschreibungen und Attribuierungen ist man schnell bei der Hand, wenn Frauen die ihnen gesetzten Normen verletzen. Damit einhergehende Etikettierungen haben oft erheblichen Einfluß auf den Entwicklungsprozeß der Sucht, der, als statistischer Mittelwert berechnet, bei Frauen schneller abläuft als bei Männern. Das liegt gewiß nicht einfach an biologischen Faktoren; es ist vielmehr die Folge von komplexen Interaktionen zwischen den Frauen und ihrem Umfeld, zu dem ihre Familienangehörigen ebenso gehören wie ihre ArbeitskollegInnen, Freundinnen und Freunde, Nachbarn und so weiter. Eine detaillierte Analyse der Entwicklungsverläufe Alkoholikerinnen macht deutlich, daß noch weiter zu differenzieren ist. Je enger das soziale Netz ist, in dem Frauen sich bewegen, umso eher stoßen sie auf Warnsignale, wenn sie alkoholisiert sind, schließlich auf Ablehnung und Abwertung. Alkoholismus beginnt bei Frauen generell nicht schneller als bei Männern, sondern nur bei jenen die entsprechend etikettiert und behandelt werden. Dabei profitieren gerade Frauen von einer frühzeitigen Intervention. Fehlt die soziale Integration und frühzeitige Behandlung dann wird der Verlauf geprägt durch Diskriminierung und Gewalterfahrung.

Die Biographie süchtiger Frauen zeigt, daß Gewalterfahrungen und Traumatisierungen der Entwicklung von Alkohol und Drogenabhängigkeit meist vorausgegangen sind oder sie begleiten. Die Gewalterfahrungen haben eine individuelle und eine gesellschaftliche Dimension. Individuelle bzw. personale Gewalterfahrungen sind stets eingebettet in gesellschaftliche Verhältnisse, die selbst von struktureller Diskriminierung geprägt sind, die, da sie an soziobiologische Kategorien gebunden ist, wie zum Beispiel diejenige des Geschlechts, der Rasse, der Hautfarbe, universell ist und Teil des gesellschaftlichen Arrangements.

Direkt beobachtbar ist personale Gewalterfahrungen in Form von physischer Gewalt und/oder begleitet von verbalen Einschüchterungen aller Art, Androhungen und selbstverständlich sexueller Grenzüberschreitungen. Wie es scheint setzen Frauen in der Folge wieder psychotrope Substanzen ein um mit diesen Gewalterfahrungen besser fertig zu werden. Es spricht alles dafür, daß Alkohol und Drogen die Gewalttätigkeiten in der Erinnerung und in der Realität verblassen lassen. Wenn die Wirkung der Stoffe nachläßt, werden die Frauen der alten und der neu dazugekommenen Wunden bewußt, die sie mit nüchternen Sinnen nicht ertragen können. Neuer Konsum verspricht neues Vergessen. Neben dem Vergessen spenden die psychotropen Stoffe aber auch ein wenig Trost in einer ansonsten trostlosen Welt, ein winzig kleines Stück Glück, das es anders nicht gibt, und die Illusion, selbstbestimmt und mächtig zu sein trotz aller Ohnmächtigkeit. Das macht sie so attraktiv-und macht es den Frauen so schwer, von ihnen und dem dazugehörenden Leben loszukommen.

Als erster Schritt für eine frauenspezifische und frauengerechte Beratung/Behandlung empfiehlt sich, daß sich TherapeutInnen zunächst mit ihren eigenen Meinungen und Einstellungen gegenüber Alkohol-und drogenabhängigen Meinungen und Einstellungen auseinandersetzten.

Wie man weiß, befinden sich Frauen im Vergleich zu Männern als Ratsuchende in einem anderen Spannungsverhältnis zu den Beratenden, ein Umstand, der mit der Machtverteilung in unserer Gesellschaft und zwischen den Geschlechtern zu tun hat. Darauf wird in der Beratung und Therapie noch immer zu wenig geachtet. Frauen reagieren oft empfindlich darauf, wenn sie mit Macht konfontiert werden. Wie auch sonst im Leben arrangieren sie sich mit den Mächtigen in Beratung und Therapie, allerdings oft mit zweifelhaften Erfolg. Auch wenn empirische Belege noch ausstehen, so ist davon auszugehen, daß solche Konfrontationen einmal mehr auf Kosten der meisten Frauen gehen, sowohl der Nicht-Süchtigen wie der Süchtigen. Abgeschreckt von den negativen Erfahrungen ziehen sie sich zurück, und das heißt konkret: sie brechen die Beratung oder die Therapie ab.

In der Therapie von Suchterkrankungen scheint es wesentlich, daß nicht von einer noch immer sehr verbreiteten, geradezu missionarischen Bereitschaft ausgegangen werden darf, sich der Behandlung dieses Erkrankungsbildes zu nähern. Es handelt sich um ein komplexes Krankheitsbild, das nicht nur bei Frauen eines multiprofessionellen und interdisziplinären Settings bedarf, das zentral durch MedizinnerInnen, idelaerweise durch PsychiaterInnen repräsentiert werden soll und gleichermaßen einer soziotherapeutischen Intervention bedarf. Ist jene Basisstablisierung erreicht, die häufig Jahre und Monate dauern kann, sollte bei entsprechender Motivation und Krankheitseinsicht in den betroffenen Frauen eine psychotherapeutische Betreuung ermöglicht werden. Gerade bei suchtkranken Frauen ist neben der biologischen Komponente der Abhängigkeit ein hohes Maß an sozialer Abhängigkeit gegeben, das Ausmaß des Behandlungserfolges nur durch eine Multidisziplinarität entsprechend gegeben ist.

Nicht in diesem Ausmaß mit sozialer Diskriminierung einher gehen andere Substanzsüchte, wie die Abhängigkeit von Tabletten (Tranquilizer und Analgetika) oder von Nikotin. Im Medikamentenkonsum von Schmerzmittel, Schlafmittel und Beruhigungsmittel kam es nach dem 2.Weltkrieg zu einer dramatischen Zunahme bei Frauen, zwischenzeitlich ist das Geschlechterverhältnis hinsichtlich ärztlicher Verordnugen in diesen Substanzen von Frauen zu Männern 3:1. Als Erklärungsmodell dienen leicht nachvollziehbare Fakten, indem Frauen die an einer depressiver Symptomatik leiden häufig mit phänotypischen Beschwerden in der Form von Schmerzen (Rückenschmerzen, Kopfschmerzen etc.) sowie mit Symptomen der Ängstlichkeit, Unruhe und Schlafstörung ÄrztInnen aufsuchen, und als Spontanmedikation Analgetika und/oder Tranquilizer verschrieben bekommen. Die Konsequenz besteht in einer momentanen Symptomverbesserung aber einer langfristig induzierten Abhängigkeit und in der Folge zu sekundären Erkrankungsbildern führen, wie Nierenerkrankungen und einer Verschlechterung der psychiatrischen Erkrankung (organisches Psychosyndrom, Depression, Psychosomatose) und konsektiven Konflikten durch eine Verschlechterung des sozialen Funktionierens in privaten und beruflichen Beziehungsstrukturen (etwa: Verschlechterung der Leistung und Verlust des Arbeitsplatzes, Trennungen). Das adäquate Vorgehen würde die richtige diagnostische Zuordnung und Weiterleitung zur psychiatrischen und/oder psychosomatischen Behandlung Therapie darstellen. Neben der Tatsache, daß Depressionen, Ansterkrankungen und Psychosomatosen eine höhere Prävalenz bei Frauen aufweisen, tendieren ÄrztInnen auch dazu an Frauen viel häufiger psychotrope Substanzen zu verschreiben als an Männer. Wo allerdings interessanterwiese eine drastische Unterbehandlung durch psychotrope Substanzen an Frauen besteht ist, daß Frauen im Rahmen eines Tumorschmerzes signifikant häufiger weniger Opioide verschrieben erhalten als Männer. Offenbar gehen viele davon aus, daß Frauen prädisponierter sind, Schmerzen zu ertragen oder tritt gerade geschlechtsspezifisch die "Opiophobie" ein, bei an Schmerzen zu behandelnden Frauen durch die deutlich höhere Anzahl an praktizierenden Ärzten als Ärztinnen?

Seit Columbus am 12.10.1492 den Tabak entdeckte, war das Rauchen von Pfeiffen, Zigarren und Zigaretten Jahrhunderte die Domäne von Männer. 1945 etwa bekamen erstmals Frauen in Frankreich auch Rationen an Zigaretten, gleichzeitig als ihnen das Recht zu wählen eingeräumt wurde. So signalisiert "rauchen" damals wie heute für viele Frauen Unabhängigkeit, Freiheit auch zu einem gewissen Grad den Weg der "infantilen Abhängigkeit" erfolgreich in Richtung der vollen Erwachsenen Verantwortung gegangen zu haben. Bereits 1950 wurde im Journal of American Medicine die Zusammenhänge vom Ansteigen der Krebserkrankungen zu Zigaretten rauchen herbeigeführt. Gleichzeitig stieg auch immer mehr die Anzahl an Zigaretten Rauchenden, und damit nikotinabhängigen Frauen. Zwischenzeitlich haben die Frauen alles aufgeholt, und im Alter von 16 Jahren rauchen mit 25% gleich viele Mädchen wie Burschen. Mit zunehmenden Alter und dem Bewußtwerden der Gefahr die Wahrscheinlichkeit eher an diversen gesundheitlichen Problemen zu leiden (Osteoporose, onkologische Erkrankungen, Gefäßerkrankungen, verfrühte Menopopause) als NichtraucherInnen haben zwischenzeitlich 45% der ÖsterreicherInnen den Wunsch nach Abstinenz, schaffen es aber nicht. Bei Frauen erschwerend gesellt sich neben der biologischen Abhängigkeit in einem hohen Ausmaß eine soziale Abhängigkeit. Frauen setzten Zigarettenrachen in einem höheren Ausmaß ein zur Streßbewältigung, zur Abgrenzung und zur Bewältigung negativer Gefühle (z.B.Angst und Wut) als Männer, zudem wird von vielen Rauchen als Appetitzügler zur Gewichtskontrolle verwendet. Der alleinige Hinweis "Rauchen sei gesundheitsschädigend" ist zuwenig, man kann mit einer 30% Erfolgsrate rechnen, wenn eine medikamentöse Ersatztherapie (etwa Nikotinpflaster) mit verhaltenstherapeutische Gruppentherapie (kognitive Umstrukturierung) kombiniert angewendet wird, im Unterschied zu 10% Erfolg durch Beratung von ÄrztInnen oder 20% durch Verhaltenstherapie alleine.

Ein besonderes Augenmerk muß der reproduktiven Phase im Leben einer Frau gewidmet werden. Viele Frauen konsumieren Substanzen oder leiden an einer Substanzabhängigkeit während der Schwangerschaft, die neben der Gefahr der Frühgeburtlichkeit diverse Gefahren für das ungeborene Kind mit sich bringt. Besonders häufig leiden Frauen an einer Nikotinabhängigkeit die in der Folge zu dystrophen Wachtumsstörungen beim Kind führen kann. Die gefährlichste Substanz in der Schwangerschaft stellt aber unhinterfragt Alkohol dar.

Auch Frauen mit einer Substanzabhängigkeit von illegalen Drogen haben einen Kinderwunsch und dieser stellt unter Beachtung entsprechender Behandlungsstandards kein Hindernis dar. In dieser sensiblen Lebensphase bedarf es besonders eines multiprofessionellen und interdisziplinären Behandlungsansatzes. Bei den stoffgebundenen Abhängigkeiten von Alkohol, Medikamenten und illegalen Substanzen besteht das primäre Ziel vorerst in einer Entängstigung der betroffenen Frau und in der Folge gilt neben der medizinischen Behandlung in der Therapie die Förderung der Selbstbestimmung und Selbstachtung, die Voraussetzungen dafür sind, daß Frauen ihren Handlungsspielraum erweitern können. Es ist wichtig die individuelle Lebenssituation der Frau zu betrachten und individuelle Ziele dürfen nicht aufgedrängt, sondern gemeinsam entwickelt werden. Dabei müssen die handelnden Personen ernst genommen werden, sie dürfen nicht bevormundet und nicht als Opfer abgestempelt werden. Hinsichtlich der Nikotinabhängigkeit eine Gewichtung in den vorgeburtlichen Untersuchungen und Weitervermittlung zu etablierten Nikotinentwöhnungstherapien.

In der Behandlung der Suchterkrankung stellt einen weiteren integralen Bestandteil auch die Entemotionalisierung des Fachgebietes Psychiatrie dar, zumal fast ausschließlich FachärztInnen der Psychiatrie über die entsprechende Ausbildung in der Behandlung dieses schweren Erkrankungsbildes aufweisen, alle anderen KollegInnen sind gebeten die betroffenen Frauen in ein kompetentes Behandlungssetting überzuleiten, das idealerweise neben PsychiaterInnen, SozialarbeiterInnen und PsychotherapeutInnen umfaßt.


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